BVZM: Die Speditionsfirma Gruner+Jahr
Wie entsteht ein Medienstandort und wie macht man ihn wieder platt? Die Frage drängt sich auf, wenn man vom Umzug von Sat.1 nach München liest und sich vorstellt, wie es zugeht, wenn in Köln und München die aus Gütersloh ferngelenkte Verlagsgruppe Gruner+Jahr die eigenständigen Redaktionen der Traditionstitel „Capital“, „Impulse“ und „Börse Online“ auflöst, Journalistenfamilien entwurzelt und den Umzugsfirmen Aufträge erteilt. Unter dem Schutzschild der Chimäre Finanzkrise lässt sich zurzeit nahezu jede Manager-Dummheit verstecken. Da Gruner+Jahr das klassische Printgeschäft im weltweiten Internet-Ozean der Kostenlos-Mentalität nicht strategisch absichern konnte und Controller statt gebildeter Journalisten sagen, wo es langgeht, wird die Losung ausgegeben: umziehen und alles an einem Ort in Hamburg konzentrieren. Warum Hamburg die Rettung für die Finanztitel sein soll, ist nebulös. Doch bitte nicht die „Financial Times Deutschland“ als neue Redaktionsmutter, die seit ihrer Gründung vor acht Jahren auf rosa Papier selbst schwindsüchtig ist. Der Stellenabbau bei Gruner+Jahr frisst auch Projekte in Frankreich. Die dortige Prisma-Gruppe rechnet in diesem Jahr mit einem Ergebnisrückgang. Der Umzug von Sat.1 nach München und weitere Sparmaßnahmen bei ProSiebenSat.1 werden rund 225 Mitarbeiter auf die Straße setzen - und in Berlin rund 500 Zulieferer arbeitslos machen. Wir kennen das von den Autobauern: wenn Opel schließt, kracht die Zuliefererwelt zusammen. Wann hat Gruner+Jahr-Vorstandschef Bernd Kundrun seine Audienz im Kanzleramt und bittet um Bürgschaft?
Bernt von zur Mühlen arbeitet als Medienberater und Publizist in Luxemburg. E-Mail: bvzm@bvzm.net



