CABLE CONGRESS: Branchengeflüster aus Brüssel
Die Top-Entscheider der europäischen Kabelbranche trafen sich vom 3. bis 5. März auf dem Cable Congress 2010 in Brüssel - und ließen durchblicken, was im Kabelmarkt in diesem Jahr geschehen wird. Großes Thema sind die Exit-Strategien der Private-Equity-Firmen, die den erhofften wirtschaftlichen Aufschwung dafür nutzen wollen, sich gewinnbringend von ihren Kabel-Investments zu trennen. Ein weiterer Grund für den Rückzug ist die technische Entwicklung: Während die Kabelnetze mit Datenraten von 100 Mbit/s und mehr derzeit der DSL-Konkurrenz weit voraus sind, stehen Funktechnologien wie LTE schon in den Startlöchern, um die Kabelnetzbetreiber mit neuen Rekordgeschwindigkeiten zu überholen. Zudem haben Drahtlos-Technologien den Vorteil, dass sie ortsunabhängig sind, was der steigenden mobilen Internetnutzung entgegenkommt, während Kabel-Internet selbst mit WLAN immer hausgebunden ist. Mit den hohen Bandbreiten, die die Funktechnologien ermöglichen, lässt sich neben Internet und Telefonie auch herkömmliches Fernsehen inklusive HDTV übertragen - sowohl zu mobilen Endgeräten als auch zu gewöhnlichen Fernsehern. Für die Kabelbranche könnte dadurch gewaltige Konkurrenz entstehen - wodurch klar wird, weshalb die Private-Equity-Firmen gerade jetzt emsig ihren Ausstieg vorbereiten. Dem steigenden Wettbewerbsdruck von Funklösungen, aber auch IPTV-Plattformen, können Kabelnetzbetreiber nur durch stetige Innovationen standhalten. Denkbar wären etwa hybride Lösungen, die Kabel- und Funknetze intelligent miteinander verknüpfen und damit der Kabelbranche neue Wachstumsperspektiven eröffnen. Neben dem für 22. März angekündigten Börsengang von Kabel Deutschland könnte auch Kabel BW bald neue Gesellschafter erhalten: Vor allem der US-Medienkonzern Liberty Global, der kürzlich Unitymedia übernommen hat, soll entsprechende Ambitionen hegen. Mike Fries, Chief Executive Officer (CEO) von Liberty Global, machte Kabel BW in Brüssel jedenfalls unumwundene Avancen: Das Heidelberger Unternehmen sei ein „fantastischer Vermögenswert“ und die gegenwärtigen Besitzer würden sicher irgendwann einmal einen Verkaufserlös aus ihrer Investition erzielen wollen. Fries sagte jedoch nicht, ob Liberty Global einen Vorstoß unternehmen wird, die vom schwedischen Finanzinvestor EQT kontrollierte Kabelgesellschaft zu kaufen. Was Liberty Global mit Unitymedia vorhaben könnte, war ebenfalls ein viel diskutiertes Thema auf den Messegängen in Brüssel. Gemunkelt wird, dass Unitymedia zur ANGA Cable, die vom 4. bis 6. Mai in Köln stattfindet, ein eigenes HDTV-Paket starten will. Gleichzeitig soll ein HDTV-Kabelreceiver eingeführt werden. Das Gerät dürfte allerdings nur ein Zwischenschritt zur „Super-Kabelbox“ sein, die Fries auf dem Cable Congress für 2011 ankündigte. Die Wunderkiste soll alle derzeit im Markt befindlichen Kabelreceiver in den Schatten stellen und unter anderem über sechs Tuner verfügen. Auch HDTV, 3DTV, Riesen-Festplatte, WLAN und interaktive Multimedia-Funktionen sind an Bord. Das Gerät soll in allen Märkten eingeführt werden, in denen Liberty Global vertreten ist, auch Deutschland (Unitymedia), Österreich (UPC Austria) und die Schweiz (Cablecom). Einigkeit herrschte unter den Branchengrößen, dass Abrufdienste im Kabelmarkt generell an Bedeutung gewinnen werden. Hans-Holger Albrecht, Präsident und CEO der Modern Times Group, wagte in Brüssel sogar die Prognose, dass lineare Spielfilm- und Dokumentationskanäle aussterben werden. Beide Genres werde es künftig praktisch nur noch auf Abrufplattformen geben. Der Dachverband der europäischen Kabelnetzbetreiber, Cable Europe, der den Cable Congress veranstaltet, hatte ebenfalls Neuigkeiten zu vermelden. Manuel Kohnstamm wurde als Präsident des Verbands wiedergewählt, der mit Get aus Norwegen und Cabovisão aus Portugal zudem zwei neue Mitglieder begrüßen durfte. Der Cable Congress 2011 findet in Zürich statt, Zeit und Ort stehen noch nicht fest. Infos: www.cablecongress.com



